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»Lose«
Am Anfang bahnt sich eine von Abermillionen von Spermien den Weg zur Eizelle. Die Geschichte des Menschen – deine Geschichte, meine Geschichte, die Geschichte eines jeden Menschen – beginnt in dem Moment, in dem wir Leben empfangen. Wir können nicht danach greifen, können es weder fordern noch einfordern. Es wird uns gegeben, und was darin enthalten sein wird – Glück und Schmerz, Freude und Trauer, Liebe und Hass, Wärme und Kälte – kann niemand vorher wissen. Mit der Zeit sehen wir ein, dass es uns gegeben ist und dass es uns innerhalb von Sekunden wieder genommen werden kann; denn niemand weiß, was uns hinter der nächsten Ecke erwartet. Das Leben wird uns gegeben, und wir selbst können es anderen geben und es ihnen nehmen. Keiner von uns ist allein. Keiner von uns lebt unabhängig von anderen, selbst wenn wir manchmal vorgeben, dass es so sei und wir es so wollten. Auch die Starken sind schwach. Auch die, die gefeiert werden und beliebt sind, erfahren Verlust und fühlen sich verloren. Auch die Zähesten müssen Machtlosigkeit eingestehen. Auch die Lebhaftesten von uns tragen in sich leblose Wüsten, die nur durch die Begegnung mit etwas Anderem, etwas das größer ist als wir selbst, zu blühen beginnen. Auch der, der mit alldem und mehr zu Rande zu kommen scheint, trägt Facetten in sich, die ihn und andere gefährden.
Dieses Mal blickt René Holm nach innen. Sein Kamerablick, den er normalerweise auf andere Menschen und Gesellschaftsgruppen richtet, zeigt nun auf ihn selbst; doch er hat mehr getan als nur das: Er hat erforscht, was es bedeutet, Mensch zu sein. Der Titel seiner Arbeit verweist auf die Bedingungen unserer Existenz: Zu leben bedeutet, alles bekommen zu haben und alles verlieren zu können. Und wer alles verliert, ist einsam und verlassen. Deshalb entdecken wir in den meisten Bildern dieses Künstlers den einsamen Menschen, auf dem der Schmerz des Verlorenseins lastet, oder der vielleicht gerade im Begriff ist, sich selbst zu verlieren! Eine schwierige und grausame Lektion, ein treffender Kommentar auf die Zeit, in der wir leben – in der jeder von uns zum Projekt wird, auf sich allein gestellt, selbst wenn wir uns nichts sehnlicher wünschen, als anderen zu begegnen. Die Würde des Menschen steht auf dem Spiel, und ebenso sein Wert. Im Grunde hat ein Mensch Wert und Würde nur kraft des Werts und der Würde, die ihm von anderen Menschen verliehen werden, also sind wir vollkommen voneinander abhängig und leben durch die Begegnung mit anderen. Das ist die grundlegende Erfahrung im Leben jedes Menschen. Es ist wahr, dass wir unsere glücklichsten Momente dann erleben, wenn wir uns selbst vergessen und uns in der Begegnung mit dem Anderen verlieren.
Die Menschen in den Werken von René Holm haben alle etwas verloren oder sind dabei, etwas zu verlieren – und sie alle scheinen die Erfahrung gemein zu haben, dass sie alle auch sich selbst verloren haben. Wir können uns auflösen und keinen Ausweg im Leben mehr sehen. Wir können so dermaßen eingewachsen sein, dass es schwierig ist, Hoffnung im Leben zu verspüren, bis wir uns schließlich von der Welt abwenden und nur noch unserem eigenen Schmerz und Unglück zu. Die Kerze, die wir von beiden Seiten her abbrennen, scheint uns Kraft zu rauben, und Verlust wird zur faktischen Realität. Vermeintlich was bleibt ist der Abschied: der Abschied des Vaters am Grab seines Kindes, das er selber mit Erde bedeckt hat. Menschen, die der Welt und dem Leben den Rücken zukehren und im Bild verschwinden, eins werden mit der Umgebung – kahlen Bäumen ...
Wenn man alles verloren hat und sich gänzlich ausgeschaltet fühlt, vom Leben gefangen, hat man nur den einen Wunsch, nämlich erkannt zu werden als der, der man ist, und dort, wo man steht. Einem Menschen zu begegnen, der – wenn einem alles genommen worden ist – einen wieder fest auf beide Beine stellt. Man betet, dass irgendjemand den endlosen, tiefblauen Himmel öffnen möge, damit man wiedervereinigt werden kann mit dem ewigen All. Und dadurch befreit von der fundamentalen Einsamkeit, die mit jedem Verlust einhergeht. Die Sehnsucht nach Vereinigung ...
Die ist deutlich spürbar in den Bildern von René Holm, denn dort hat die Dunkelheit – trotz der Trennung, trotz des Verlustes – keinerlei Macht. Ein Licht brennt, erzeugt Wärme, erneuert Hoffnung. Lichtstrahlen durchbrechen die Dämmerung des Waldes, scheuchen die Dunkelheit fort. Und obwohl diese Bilder das Allerschlimmste zeigen (nämlich Verlust), bleibt Hoffnung bestehen. Die Hoffnung, dass eine äußere Macht dich erfahren lässt, dass du immer noch lebst, selbst wenn du schon sicher verloren schienst. Endlich richten wir den Blick wieder aufs Leben, auf die Welt und die Menschen darin. Dann haben wir die Möglichkeit neu zu beginnen, obwohl wir geglaubt hatten, dass wir ohne das Verlorengegangene gar nicht mehr leben könnten!
Die Bilder und die Ausstellung haben bei mir den Eindruck hinterlassen, dass René Holm niedergeschlagen wurde und wieder aufgestanden ist. Ich habe den Eindruck, diese Bilder verkörpern die Idee, dass das Leben, wenn alles zusammenbricht und alles verloren geht, über uns hinwegspülen und uns wieder Mut und glückliche Tage geben kann. Andere Menschen greifen ein und erneuern unser Leben. Wir erleben Liebe und schöpfen daraus neues Leben, Lebensmut. Daraus gehen diese Bilder hervor, und deshalb überkommt den Betrachter weder Einsamkeit noch Hoffnungslosigkeit, selbst wenn das der erste Eindruck ist, den die Bilder vermitteln. Durch seine Bilder zeigt uns René Holm, dass wir alle von dem Eindruck zehren, den das Leben bei uns hinterlässt. Wir nähren uns von den Eindrücken von all den Dingen, denen wir begegnen und von all den Dingen, die wir wieder loslassen müssen.
Text von Probst Kræn Christensen
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