Michael Kvium: Nightschool
Zur Person:
Michael Kvium, Jahrgang 1955, ist einer der markantesten und renommiertesten Künstler Dänemarks. Sein ungewöhnliches Œuvre umfasst Ölgemälde, Zeichnungen, Plastiken sowie zahlreiche Performances und Filme, die er zusammen mit Christian Lemmerz in der Performance-Gruppe „Vaerst“ in der Mitte der 1980er Jahre entworfen und produziert hat.
Die Verwendung eines unverwechselbaren Repertoires an Personendarstellungen auf häufig großformatigen Bildern zeigt eine einzigartige Darstellungsweise und Kompositionsauffassung der Malerei und das hat Michael Kviums Kunst weit über die Grenzen des eigenen Landes und über die Grenzen Europas bekannt gemacht. Dort haben seine Arbeiten in zahlreichen Sammlungen und Ausstellungen Eingang gefunden, nicht zuletzt im bedeutenden AroS Kunstmuseum in Aarhus, das 2006 Michael Kvium eine Einzelausstellung mit 110 Arbeiten widmete.
Exkurs:
Michael Kviums Bilder führen uns hinter die Oberfläche unseres Bewusstseins. Sie sind faszinierend, abstoßend, skurril und grotesk. Obwohl in seinen Arbeiten Verweise zu den Meistern der Vergangenheit nachverfolgt werden können - man denke an Caravaggio, Velazquez, Goya oder Rembrandt - ist es Kvium gelungen, einen eigenen außergewöhnlichen Bereich menschlicher Existenz in seinen Bildern darzustellen, der immer wieder zur Sprache kommt.
In düsteren, manchmal auch in absurd witzigen Darstellungen, greift er in seinen Kompositionen die kulturellen, sozialen und politischen Bedingungen der Gegenwart auf. Es sind wie auf einer Bühne angeordnete Inszenierungen des menschlichen Lebens, die aus der Beobachtung von Tendenzen einer wachsenden moralischen und emotionalen Gefühllosigkeit resultieren.
Mit der Darstellung von monströsen, grotesken und manchmal obszönen Physiognomien menschlicher Körper führt uns Michael Kvium mit seinen Bildern einen Komplex von Problemen vor Augen, die wir zu unterdrücken gelernt haben oder sie nicht mehr ertragen wollen oder können.
Arbeitsweise:
Michael Kviums Arbeitsweise ist zyklisch. Immer wieder greift er aktuelle Themen des gesellschaftlichen und politischen Lebens auf, die er im wesentlichen in den Bildzyklen „Tragödie“, „krankhafte Veränderung“ und „Durchdringung“ verarbeitet.
Seine Gemälde beginnt er in der Regel mit einer Skizze, die eine bestimmte Kompositionsidee darstellt. Dieser Entwurf stellt aber nur den Anfang eines Übertragungsprozesses auf die Bildleinwand dar, während er die Grundidee der Motive oder deren Farbgebungen beständig verändert.
Die frühen Bilder aus den 1980er Jahren zeigen häufig einen inszenierten Ausschnitt einer Erzählung, Geschichte oder einer aktuellen Gegebenheit. Später erscheinen auf seinen Gemälden Symbole wie Zitronen, Eier oder Bandagen. Seit 2003 zeigen seine Bilder Landschaften, den Himmel oder Sumpfgebiete, denen der Mensch hilf- und orientierungslos ausgesetzt zu sein scheint. Ihr Betrachter bleibt vor diesen Arbeiten allein auf sich gestellt und seinen Assoziationen überlassen. Häufig sind Arbeiten aus dieser Zeit großformatig und benötigen die gesamte Wandfläche eines Ausstellungsraums. Ihr Format löst bei ihrem Betrachter ein Gefühl der Erhabenheit aus, was eine emotionale Einbindung zu der einzelnen Arbeit bewirkt. Es sind zumeist Bilder, in denen die Natur, der Himmel und der Birkenwald dominieren und ihr Betrachter mit einer hörbaren, einer geradezu verloren geglaubten Stille der Natur konfrontiert wird.
Auch in ihnen finden sich die für Michael Kvium charakteristischen Figuren; sie sind nackt, deformiert, allein und wenn überhaupt nur spärlich mit Attributen ausgestattet. Einige stehen bis zur Hälfte in einem sumpfartigen Gewässer, andere zeigen sich im Profil oder als Sitzfiguren, die sich dem Betrachter abgewendet haben. Daneben gibt es einige Arbeiten die nur einzelne Körperteile wie Köpfe, Beine und Füße abbilden. Diese werden entweder ganzansichtig, teilweise oder als Chimäre, dargestellt.
Neben Einzelarbeiten hat Michael Kvium unter Anspielung auf mittelalterliche Altarbilder Bildfolgen geschaffen, die er im Wechsel von Konfigurationen und abstrahierten Darstellungen zu Polyptycha zusammenfasst. Stets bindet aber die Gesamtkomposition Konkretes und Abstrahiertes aneinander.
Trotz oder gerade wegen der wenigen Elemente in den einzelnen Bildern tritt in diesen Arbeiten eine eigenartig bedrückende Stimmung zu Tage, die durch die ambivalente Symbolik der Bildelemente zusätzlich hervorgehoben wird.
Das Unheimliche in den Bildern Michael Kviums:
So sind der Birkenbaum, der Huf der Ziege und die gezeigten Dohlen als Rabenvögel Symbole, die sowohl in archaischen Überlieferungen und Mythen als auch in den christlichen Vorstellungen verhaftet sind. Ihre wechselnden Bedeutungen tragen im Zusammenhang mit der angelegten Bildkomposition dazu bei, ein Gefühl schauriger Erhabenheit zu erzeugen.
Insbesondere die häufig ausbleibende räumliche Orientierung, die Verwendung von Paradoxien sowie die nur noch als Hülle deformiert auftretenden Körper oder deren Fragmente geben den Arbeiten Michael Kviums eine merkwürdig bedrückende, geradezu unheimliche Stimmung.
Ein wesentliches Moment für das sich einstellende Gefühl des Unheimlichen ist dabei der Anblick zu bloßen Hüllen reduzierter Körper, deren Ansicht als Verletzung der Integrität der menschlichen Gestalt wahrgenommen wird und mit der Vorstellung einer Verletzung des psychischen Selbst korrespondiert.
„Das Ich“, so schreibt Sigmund Freud 1923, „ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche.“ Nach Freud vollzieht sich also die Ich-Bildung in erster Linie als die Projektion der visuellen Wahrnehmung der Körperoberfläche. Aufgrund dessen ist es möglich, dass im Anblick eines deformierten Körpers, eines isolierten Körperteils oder eines Organs dem Betrachter die stets gefährdeten Grenzen des eigenen Selbst ansichtig werden.
Die Wiederkehr des Zusammenhangs zwischen dem Körper und seinem Selbst als das Gefühl einer verdrängten Angst hat Sigmund Freud mit dem Begriff des Unheimlichen in Zusammenhang gebracht. Dabei beruft sich Freud auch auf die sprachgeschichtliche Herkunft des Begriffs. Denn der Begriff des „Unheimlichen“, so Freud, entwickelt sich als das Gegenteil des germanischen Wortes „heim“ und dessen Bedeutung von „Haus“, „Wohnort“ und „Heimat“. Neben dieser Bedeutung im Sinne des zum Hause Gehörigen und Vertrauten weist das Wort „heimlich“ nach Freud von Anfang an auch auf den sich verbergenden Rückzug in das Haus und damit auf ein Geheimnis hin.
Das Gefühl des „Unheimlichen“:
Für Freud ist der Begriff des „Unheimlichen“ das einst Vertraute, das sich als ein Verdrängtes im Unbewussten verborgen hält. In unheimlichen Erlebnissen und Vorstellungen kehrt es in entfremdeter Form wieder. Der Angstcharakter des Unheimlichen ist darauf zurückzuführen, dass der Affekt jeder Gefühlsregung durch die Verdrängung in Angst verwandelt wird. Die Vorsilbe „un“ steht deshalb für die begriffliche Angabe der Verdrängung.
In der gegenwärtigen Emotionsforschung hat die These Freuds, dass das Unheimliche an die Wiederkehr des verdrängt Vertrauten gebunden ist, nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Als im Unterbewusstsein Verdrängtes ist das „Unheimliche“ ein Sonderfall der emotionalen Struktur. Sie ist der Teil des ästhetischen Bereiches, der die Welt als ein Ganzes gegenüber der Rationalität zusammenhält und umfasst. Sie ist der Bereich, in dem Gefühle, Passionen und Affekte angesiedelt sind und damit einen wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Lebens ausmachen. Wird dieser Anteil unterdrückt, ist es nur folgerichtig, dass ein so entstandenes emotionales Defizit verdrängte Gefühle mehr und mehr unkontrolliert hervortreten lässt.
Skurril anmutende Handlungen, absurde Prozesse oder kaum noch vorstellbare Gewalt sind dann die Erscheinungsbilder einer Gesellschaft, die Emotionen negiert und dadurch das Unheimliche als Gefühl der Wiederkehr eines verdrängt Vertrauten einen immer größeren Anteil am alltäglichen Leben gewinnen lässt.
Schluß:
In ihrer eigenartigen Erhabenheit, die Vertrautes und Geheimnisvolles gegeneinandersetzt, gestalten sich die Bildräume Michael Kviums zu beängstigenden Abbildungen menschlichen Daseins. Es sind albtraumhafte Visionen von Individuen, die im Begriff sind, die Wahrnehmung Ihrer Umwelt zu verlieren und deren Kommunikation untereinander eingeschränkt ist. Es sind Erzählungen von menschlichen Kreaturen, deren Bewusstsein der eigenen Geschichte gestört und deren Wertvorstellungen gekappt sind. Im Stand eines solchen Bewusstseins entfremdet sich der Mensch von seiner gesellschaftlichen und sozialen Einbindung. Schließlich verliert der Mensch sein Verhältnis zur äußeren Natur und der Natur seines Inneren, seiner eigenen Individualität. Sichtbares Zeichen dafür ist die Wandlung des Körpers zu einer bloßen Hülle, in der das Selbst mehr und mehr unauffindbar wird. Die Auswirkung dieser Entfremdung wird in der Naturdarstellung Michael Kviums unmittelbar. Sie besteht nur noch aus Ödland oder dem Ausschnitt einer Landschaft, nie vollständig, manchmal mit Unrat, Morast oder Sumpf versehen. Als Kompensation bietet eine solche Natur dem Menschen keinen Halt, kein Heim mehr. Sie wird lebensfeindlich, beängstigend und unheimlich.
Die dem Menschen einst so nahe Natur ist ihm fremd, zu etwas ihm Angst Einflößenden geworden. In ihr findet sich der Mensch nur noch als sein Schatten wieder, und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich die Maske des Todes über sein Antlitz zu legen.
In einem solchen Konstitut von Welt bleibt nur eine Frage (offen):
Where the hell is god? (Wo zum Teufel ist Gott?
Emsdetten, den 13. März 2011 Udo Brüssow
Zur Person:
Michael Kvium, Jahrgang 1955, ist einer der markantesten und renommiertesten Künstler Dänemarks. Sein ungewöhnliches Œuvre umfasst Ölgemälde, Zeichnungen, Plastiken sowie zahlreiche Performances und Filme, die er zusammen mit Christian Lemmerz in der Performance-Gruppe „Vaerst“ in der Mitte der 1980er Jahre entworfen und produziert hat.
Die Verwendung eines unverwechselbaren Repertoires an Personendarstellungen auf häufig großformatigen Bildern zeigt eine einzigartige Darstellungsweise und Kompositionsauffassung der Malerei und das hat Michael Kviums Kunst weit über die Grenzen des eigenen Landes und über die Grenzen Europas bekannt gemacht. Dort haben seine Arbeiten in zahlreichen Sammlungen und Ausstellungen Eingang gefunden, nicht zuletzt im bedeutenden AroS Kunstmuseum in Aarhus, das 2006 Michael Kvium eine Einzelausstellung mit 110 Arbeiten widmete.
Exkurs:
Michael Kviums Bilder führen uns hinter die Oberfläche unseres Bewusstseins. Sie sind faszinierend, abstoßend, skurril und grotesk. Obwohl in seinen Arbeiten Verweise zu den Meistern der Vergangenheit nachverfolgt werden können - man denke an Caravaggio, Velazquez, Goya oder Rembrandt - ist es Kvium gelungen, einen eigenen außergewöhnlichen Bereich menschlicher Existenz in seinen Bildern darzustellen, der immer wieder zur Sprache kommt.
In düsteren, manchmal auch in absurd witzigen Darstellungen, greift er in seinen Kompositionen die kulturellen, sozialen und politischen Bedingungen der Gegenwart auf. Es sind wie auf einer Bühne angeordnete Inszenierungen des menschlichen Lebens, die aus der Beobachtung von Tendenzen einer wachsenden moralischen und emotionalen Gefühllosigkeit resultieren.
Mit der Darstellung von monströsen, grotesken und manchmal obszönen Physiognomien menschlicher Körper führt uns Michael Kvium mit seinen Bildern einen Komplex von Problemen vor Augen, die wir zu unterdrücken gelernt haben oder sie nicht mehr ertragen wollen oder können.
Arbeitsweise:
Michael Kviums Arbeitsweise ist zyklisch. Immer wieder greift er aktuelle Themen des gesellschaftlichen und politischen Lebens auf, die er im wesentlichen in den Bildzyklen „Tragödie“, „krankhafte Veränderung“ und „Durchdringung“ verarbeitet.
Seine Gemälde beginnt er in der Regel mit einer Skizze, die eine bestimmte Kompositionsidee darstellt. Dieser Entwurf stellt aber nur den Anfang eines Übertragungsprozesses auf die Bildleinwand dar, während er die Grundidee der Motive oder deren Farbgebungen beständig verändert.
Die frühen Bilder aus den 1980er Jahren zeigen häufig einen inszenierten Ausschnitt einer Erzählung, Geschichte oder einer aktuellen Gegebenheit. Später erscheinen auf seinen Gemälden Symbole wie Zitronen, Eier oder Bandagen. Seit 2003 zeigen seine Bilder Landschaften, den Himmel oder Sumpfgebiete, denen der Mensch hilf- und orientierungslos ausgesetzt zu sein scheint. Ihr Betrachter bleibt vor diesen Arbeiten allein auf sich gestellt und seinen Assoziationen überlassen. Häufig sind Arbeiten aus dieser Zeit großformatig und benötigen die gesamte Wandfläche eines Ausstellungsraums. Ihr Format löst bei ihrem Betrachter ein Gefühl der Erhabenheit aus, was eine emotionale Einbindung zu der einzelnen Arbeit bewirkt. Es sind zumeist Bilder, in denen die Natur, der Himmel und der Birkenwald dominieren und ihr Betrachter mit einer hörbaren, einer geradezu verloren geglaubten Stille der Natur konfrontiert wird.
Auch in ihnen finden sich die für Michael Kvium charakteristischen Figuren; sie sind nackt, deformiert, allein und wenn überhaupt nur spärlich mit Attributen ausgestattet. Einige stehen bis zur Hälfte in einem sumpfartigen Gewässer, andere zeigen sich im Profil oder als Sitzfiguren, die sich dem Betrachter abgewendet haben. Daneben gibt es einige Arbeiten die nur einzelne Körperteile wie Köpfe, Beine und Füße abbilden. Diese werden entweder ganzansichtig, teilweise oder als Chimäre, dargestellt.
Neben Einzelarbeiten hat Michael Kvium unter Anspielung auf mittelalterliche Altarbilder Bildfolgen geschaffen, die er im Wechsel von Konfigurationen und abstrahierten Darstellungen zu Polyptycha zusammenfasst. Stets bindet aber die Gesamtkomposition Konkretes und Abstrahiertes aneinander.
Trotz oder gerade wegen der wenigen Elemente in den einzelnen Bildern tritt in diesen Arbeiten eine eigenartig bedrückende Stimmung zu Tage, die durch die ambivalente Symbolik der Bildelemente zusätzlich hervorgehoben wird.
Das Unheimliche in den Bildern Michael Kviums:
So sind der Birkenbaum, der Huf der Ziege und die gezeigten Dohlen als Rabenvögel Symbole, die sowohl in archaischen Überlieferungen und Mythen als auch in den christlichen Vorstellungen verhaftet sind. Ihre wechselnden Bedeutungen tragen im Zusammenhang mit der angelegten Bildkomposition dazu bei, ein Gefühl schauriger Erhabenheit zu erzeugen.
Insbesondere die häufig ausbleibende räumliche Orientierung, die Verwendung von Paradoxien sowie die nur noch als Hülle deformiert auftretenden Körper oder deren Fragmente geben den Arbeiten Michael Kviums eine merkwürdig bedrückende, geradezu unheimliche Stimmung.
Ein wesentliches Moment für das sich einstellende Gefühl des Unheimlichen ist dabei der Anblick zu bloßen Hüllen reduzierter Körper, deren Ansicht als Verletzung der Integrität der menschlichen Gestalt wahrgenommen wird und mit der Vorstellung einer Verletzung des psychischen Selbst korrespondiert.
„Das Ich“, so schreibt Sigmund Freud 1923, „ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche.“ Nach Freud vollzieht sich also die Ich-Bildung in erster Linie als die Projektion der visuellen Wahrnehmung der Körperoberfläche. Aufgrund dessen ist es möglich, dass im Anblick eines deformierten Körpers, eines isolierten Körperteils oder eines Organs dem Betrachter die stets gefährdeten Grenzen des eigenen Selbst ansichtig werden.
Die Wiederkehr des Zusammenhangs zwischen dem Körper und seinem Selbst als das Gefühl einer verdrängten Angst hat Sigmund Freud mit dem Begriff des Unheimlichen in Zusammenhang gebracht. Dabei beruft sich Freud auch auf die sprachgeschichtliche Herkunft des Begriffs. Denn der Begriff des „Unheimlichen“, so Freud, entwickelt sich als das Gegenteil des germanischen Wortes „heim“ und dessen Bedeutung von „Haus“, „Wohnort“ und „Heimat“. Neben dieser Bedeutung im Sinne des zum Hause Gehörigen und Vertrauten weist das Wort „heimlich“ nach Freud von Anfang an auch auf den sich verbergenden Rückzug in das Haus und damit auf ein Geheimnis hin.
Das Gefühl des „Unheimlichen“:
Für Freud ist der Begriff des „Unheimlichen“ das einst Vertraute, das sich als ein Verdrängtes im Unbewussten verborgen hält. In unheimlichen Erlebnissen und Vorstellungen kehrt es in entfremdeter Form wieder. Der Angstcharakter des Unheimlichen ist darauf zurückzuführen, dass der Affekt jeder Gefühlsregung durch die Verdrängung in Angst verwandelt wird. Die Vorsilbe „un“ steht deshalb für die begriffliche Angabe der Verdrängung.
In der gegenwärtigen Emotionsforschung hat die These Freuds, dass das Unheimliche an die Wiederkehr des verdrängt Vertrauten gebunden ist, nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Als im Unterbewusstsein Verdrängtes ist das „Unheimliche“ ein Sonderfall der emotionalen Struktur. Sie ist der Teil des ästhetischen Bereiches, der die Welt als ein Ganzes gegenüber der Rationalität zusammenhält und umfasst. Sie ist der Bereich, in dem Gefühle, Passionen und Affekte angesiedelt sind und damit einen wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Lebens ausmachen. Wird dieser Anteil unterdrückt, ist es nur folgerichtig, dass ein so entstandenes emotionales Defizit verdrängte Gefühle mehr und mehr unkontrolliert hervortreten lässt.
Skurril anmutende Handlungen, absurde Prozesse oder kaum noch vorstellbare Gewalt sind dann die Erscheinungsbilder einer Gesellschaft, die Emotionen negiert und dadurch das Unheimliche als Gefühl der Wiederkehr eines verdrängt Vertrauten einen immer größeren Anteil am alltäglichen Leben gewinnen lässt.
Schluß:
In ihrer eigenartigen Erhabenheit, die Vertrautes und Geheimnisvolles gegeneinandersetzt, gestalten sich die Bildräume Michael Kviums zu beängstigenden Abbildungen menschlichen Daseins. Es sind albtraumhafte Visionen von Individuen, die im Begriff sind, die Wahrnehmung Ihrer Umwelt zu verlieren und deren Kommunikation untereinander eingeschränkt ist. Es sind Erzählungen von menschlichen Kreaturen, deren Bewusstsein der eigenen Geschichte gestört und deren Wertvorstellungen gekappt sind. Im Stand eines solchen Bewusstseins entfremdet sich der Mensch von seiner gesellschaftlichen und sozialen Einbindung. Schließlich verliert der Mensch sein Verhältnis zur äußeren Natur und der Natur seines Inneren, seiner eigenen Individualität. Sichtbares Zeichen dafür ist die Wandlung des Körpers zu einer bloßen Hülle, in der das Selbst mehr und mehr unauffindbar wird. Die Auswirkung dieser Entfremdung wird in der Naturdarstellung Michael Kviums unmittelbar. Sie besteht nur noch aus Ödland oder dem Ausschnitt einer Landschaft, nie vollständig, manchmal mit Unrat, Morast oder Sumpf versehen. Als Kompensation bietet eine solche Natur dem Menschen keinen Halt, kein Heim mehr. Sie wird lebensfeindlich, beängstigend und unheimlich.
Die dem Menschen einst so nahe Natur ist ihm fremd, zu etwas ihm Angst Einflößenden geworden. In ihr findet sich der Mensch nur noch als sein Schatten wieder, und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich die Maske des Todes über sein Antlitz zu legen.
In einem solchen Konstitut von Welt bleibt nur eine Frage (offen):
Where the hell is god? (Wo zum Teufel ist Gott?
Emsdetten, den 13. März 2011 Udo Brüssow

